September 2nd, 2009

More More More Future

linyekulaDer aus dem Kongo stammende Choreograph und Tänzer Faustin Linyekula verwandelt  in seinem neuen Stück „More More More Future“ kongolesischen Pop, auch bekannt als Ndombolo, eine wirbelnde Mischung aus Rumba und traditionellen einheimischen Rhythmen, in dem es hauptsächlich um das Besingen materialistischer Träume geht, mittels der direkten und couragierten Texte von Muhindo und den durchdringenden Kreischen von Flamme Kapayas E-Gitarre in ein schrilles Punkkonzert, in dem er die Missstände, Schwierigkeiten und die kollektive Amnesie seines Landes unverhüllt beim Namen nennt.
Faustin Linyekula rüttelt wach und fordert für sich und seine Generation im Kongo endlich eine Zukunft ein.
Das erste, gefühlte 20Minuten lange zermürbende Stück zeigt das klischeehafte Bild einer mustergültigen Popband, zu dick aufgetragen um ernst gemeint zu sein.
Die Musiker, in schreienden Glitzeranzügen, die Tänzer  in lächerlich aufgeblasenen, aus Mülltüten gebastelten Kostümen. In klassischer Backround- Manier verharren die Tänzer geradezu auf einer Stelle und bewegen sich Becken kreisend im Hintergrund.
Nur die peitschend scharfen Worte Muhindos verwandeln  das Bild in beißenden Spott.
In sehr symbolhaften Bildern zeigt Faustin Linyekula Stagnation und Verfall einer traumatisierten Generation. Körper in Krämpfen oder zwei Tänzer, die Kopf an Kopf in eine jeweils andere Richtung drängen und sich gegenseitig blockieren.
Das ohrenbetäubende Punkkonzert nimmt ein abruptes Ende. Sowohl Tänzer als auch Musiker ziehen sich in eine hintere Ecke der Bühne zurück, bilden einen Kreis und scheinen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ihr ganz privates Tanzritual zu zelebrieren. Der schrillen Kostüme entledigt kehrt das Ensemble der Popkultur den Rücken. Nur mit Gesang und Klatschen. Eine ironische Reflexion dessen, was der latent rassistische Europäer als traditionell Afrikanisch bezeichnen würde. Unerschrocken langatmig und ohne größeren Aufhebens an der Sache.
In der Szene “Was Morgen kommt, das weiß man nicht“ spiegelt Faustin Linyekula das zerstörerische Verhalten einer gleichgültigen Generation, die ihre scheinbare Selbstbestimmung bei exzessiven Partys feiert als gäbe es kein Morgen.
Aber keineswegs kann man das Stück als depressiv bezeichnen. Es ist im Gegenteil ein sehr zuversichtliches Stück mit einer klaren Forderung nach Umbruch.
Es wird sogar Nietzsche angeführt mit einem heiteren „Also sang Zarathustra“, sinngemäß also die Steigerung des normalen Sprechens. Nietzsche also, der in seinen späteren Werken Schopenhauers Pessimismus überwand und eine radikale Lebensbejahung in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellte. In dem Sinne setzen sich die Tänzer mit dem Rücken zum Publikum und schauen in einen verheißungsvollen Himmel.

Rain Kencana

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