Der Anlass für das von Seydou Boro und Salia Sanou choreografierte Stück „ Poussières de Sang“, zu deutsch Blutstaub, war eine Auseinandersetzung zwischen Soldaten und der Polizei am Tag der Eröffnung ihres Zentrums für zeitgenössischen Tanz in Afrika, im Dezember 2007 in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Bei dem Kampf um höheren Sold und bessere Ausrüstung kamen Tausende Unschuldige zu Tode.
In einem Interview erkannte Seydou Boro, „bevor Gewalt körperlich werden kann, nimmt sie nach und nach ihren Platz im Denken ein“. In ihrem Stück „ Poussières de Sang“, lassen die Tänzer ihre Körper von dem Gewaltgedanken Besitz ergreifen.So nähert sich die Compagnie Salian ni Seydou dem Wesen der Gewalt in alltäglichen und auch historischen Tragödien in universeller Form.
In der Musik werden traditionelle afrikanische Instrumente mit modernem Saxophon und Akkustikgitarre gemischt. Das ganze Stück wird in der Tradition afrikanischer Geschichtenerzähler von Djatas Melissa Ilebous anklagendem Gesang begleitet.
Gleich zu Beginn sieht man eine Art Pas de Deux zweier Männer. Sie bewegen sich unendlich langsam, wie in Zeitlupe. Durch diese Verzögerung in den Bewegungen erscheint der Tanz zwischen den Beiden manchmal wie ein Kampf, manchmal wie ein Liebesakt. Vielleicht wollen uns Seydou Boro und Salia Sanou vermitteln wie nah Liebe und Hass sich stehen, das sie ab einem gewissen Punkt nicht mehr auseinanderzuhalten sind, ineinander aufgehen und sich vermischen, verbrüdert sind. Dazu hört man den Gesang von Djata Melissa Ilebou, deren Sprache man leider nicht versteht und der trotzdem nur durch die Betonung in ihrer Stimme unter die Haut geht. Schwermütig, anschuldigend.
Der gehemmte Bewegungsfluß am Anfang des Stücks entlädt sich dann in einer fulminanten Szene, in der sich die Tänzer in einer Gruppenchoreographie ekstatisch minutenlang in immer gleichen Bewegungen winden, die Köpfe schmeißen und sich schütteln. Sie wirken entrückt und frenetisch, als würde eine unsichtbare Kraft sie zu diesen Bewegungen zwingen. Es ist die sich immer wiederholende Geschichte von Unterdrückung, hier sichtbar gemacht und wie dauerhafte Pression auf den Körper einwirkt. In einer späteren Szene werden die gleichen Bewegungsabläufe wieder aufgegriffen, nur das es keine unsichtbare Kraft ist, die den am Boden Knienden so schüttelt, sondern ein anderer Tänzer. Es ist ein Mensch, der einen anderen unterdrückt. Und es werden immer Menschen sein, die andere Menschen unterdrücken, deshalb bestrafen sich die Körper in „ Poussières de Sang“ auch selbst, wenn sie einem anderen Leid zugefügt haben. Ein Erklärungsansatz, der wie in der gemeinhin bekannten Faustregel besagt, Gewalt erzeugt neue Gewalt, der Gepeinigte wird später selbst zum Peiniger. Ein ewiger Kreislauf der Gewalt.
Überhaupt werden hier sich wiederholende Bewegungsabläufe immer wieder aufs neue aufgegriffen wie in der Szene, in der sich eine Gruppe von Tänzern in gleichem Muster übers Parkett gleiten lassen. Eine Einheit an gleichen Körpern. Ein System. Doch plötzlich fällt einer heraus. Tanzt isoliert für sich in einer neuen sich wiederholenden Choreographie. Bleibt auf der Seite liegen wie tot. Die Gruppe aber setzt ihre Choreographie fort ohne den Einzelnen zu bemerken. Bis immer mehr Körper raus fallen und in die andersartige Choreographie mit einsteigen. Es ist die Neuordnung eines Systems durch den Einzelnen. Die Utopie einer Chance zur Veränderung.
Die Chance zur Veränderung aber bleibt Utopie solange der Mensch handelt wie er handelt. In einer Szene wird beschrieben, wie sich zwei Männer an der Wand eines riesigen Vierecks mitten auf der Bühne drängeln. Die Wand böte genug Platz für Beide, aber sie stoßen sich gegenseitig weg, wollen jeder für sich ihren Rücken an die Wand drücken. Die Bedrohung des eigenen Wohlstands, Existenzangst und Egozentrik treibt den Menschen zu diesem absurden Verhalten den vermeintlichen Kontrahenten wegzubeißen.
Als dann das Saxophon sich aus den Reihen der Musiker löst, und mitten auf der Bühne spielt, werfen sich ihm die vielen schubsenden und tretenden Körper in den Weg, wollen ihm zusetzen, seinen Weg blockieren. Doch sobald Pierre Vaiana seinem Instrument die beseelten Klänge entlockt, wirken die Körper entmachtet und geben den Weg frei. Ein Aufruf der Choreografen an den Zuschauer auf das Innere zu hören, dem Instinkt zu folgen, denn die Musik und somit das Gefühl ist mächtiger als Argwohn und Intoleranz.
Und auch am Ende des Stücks wendet sich das Ensemble dem Publikum zu. Mindestens eine Minute werden die Zuschauer angeschaut, aufgefordert die Augen zu öffnen, selbst aktiv zu werden und in das Geschehen einzugreifen.




I love you dance thanx.