In Constanza Macras neuem Stück „Megalopolis“ geht es um die Megacity als metaphorischen Ort unter Einfluss der Globalisierung. Urbanität als lebensfeindliche Umgebung des Menschen. Einige wenige Elemente wie eine gezeichnete Skyline, ein Berg aus Kartons und Stoffresten, zwei Flachbauten aus grauem Beton mit Aussichtsplattform als zweite Ebene und ein grobmaschig zusammengeschustertes Callcenter als Verbindung zum Rest der Welt genügen als Bühnenbild, um die Grundzüge einer gesichtslosen, anonymen Großstadt zu zeichnen wie es sie in Überfluss auf der ganzen Welt verteilt gibt. Mit einem aalglatten Expertenlächeln zitiert die tadellos herausgeputzte Anouk Froidevaux in Werbefrau Manier die Theorien des Stararchitekten Rem Koolhaas, in denen es um die Zerstörung individueller Lebensräume durch den „Typical Plan“ geht.
So fehlerfrei und vorbildlich sie ihren Text rezitiert, so chaotisch und wüst prallen die Individuen um sie herum aufeinander. Constanza Macras zeichnet ein Potpourri aus unterschiedlichen Ethnien, entblößten Individuen, Ausgestoßenen, haltlose, verzweifelte Figuren. „Dass Menschen am selben Ort wohnen bedeutet ja nicht dass sie sich auch mögen. Gerade unter Minderheiten gibt es viel Rassismus und Ausbeutung“, erklärt die Choreografin. Und so entspinnen sich auf der Bühne viele simultan laufende Minidramen. Ein Sammelsurium verzweifelter Existenzen mit unterschiedlichen Biographien. Da wäre der fettleibige Callcenter Besitzer und ausgemachter Asiatinnenfetischist, gespielt von Denis Kuhnert, der während des Stücks sein Begehren in Form eines dance à trois mit zwei attraktiven Asiatinnen austobt. Oder der gebürtige Brasilianer Ronny Maciel, der anfangs in enger Badehose und mit Melonen als Hanteln seinen makellosen Körper zur Schau stellt und hiermit den Schönheitswahn der heutigen Gesellschaft persifliert. Später schlüpft er in die Rolle eines prügelnden Polizisten, der aufgrund seiner Hautfarbe von Fernanda Farah, die sich selbst in dem Stück als Nichte Che Guevaras bezeichnet, sexuell diskriminiert wird. Die beiden Figuren konterkarieren sich in ihrem Duett gegenseitig. Während der Polizist die Frau aufgrund seiner Machtposition mit dem Knüppel physisch bedrängen darf, äußert sie sich verbal über ihre sexuellen Vorurteile gegenüber schwarzen Männern, wobei die Choreografin nicht scheut eine etwas weitgreifende Lehrfahrt zu Leni Riefenstahl und ihre Studie über die Nubier zu unternehmen. Gleichzeitig wirkt Ronny Maciel in dem engen Polizistenoutfit mit dem großen schwarzen Gummiknüppel eher wie das Klischee eines Strippers als ein waschechter Bulle. So bietet sich uns ein groteskes Bild einer sich damenhaft zierenden Fernanda Farah im Kampf mit dem „polizistenhaften“ Stripper. Eine bissige Parodie. Prinzipiell werden in dem Stück die Stereotypen gerne überspitzt wie bei Miki Shoji und Hyoung-Min Kim, die beiden asiatischen Powerfrauen in dem Stück, die bewusst mit der Rolle der provokanten Femme Fatale oder der sexy Lolita im Schulmädchenlook kokettieren. So entzünden sich die Individuen aneinander im Dickicht der Großstadt oszillierend zwischen Sehnsucht nach Nähe und dem Kampf um Privatsphäre zwischen Vereinsamung und Kollision. Die Geschichten werden in ihrer Vielfalt ad absurdum geführt wie in der Szene, in der Johanna Lemke als abgestürzte HIV Infizierte ihren Vater telefonisch um Geld anpumpt, während sich einen Sitz weiter Ana Mondini über Banalitäten des Vegetarier seins unterhält. Nach einer knackigen dreiviertel Stunde verliert sich das Stück aber zusehends, die Tänzer rennen in Wiederholung gegeneinander an oder verkeilen sich in immer beliebigeren Konstellationen. Erst zum Finale wird das gesamte Ensemble mit antreibenden Trommelschlägen für ein ekstatisches Showdown auf die Bühne getrieben bei dem Johanne Lemke in ihrer Nacktheit einen eindrucksvollen Höhepunkt bietet. Das nackte hilflose Geschöpf inmitten einer lebensfeindlichen industriellen Architektur.
Rain Kencana



